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Hebammen

Mein kleines Kind von Katja Baumgarten (Film)

Pränataldiagnostik, ein heikles Thema. Katja Baumgarten hat viel gewagt mit ihrem sehr persönlichen Film - und gewinnt. "Mein kleines Kind" ist ein Film geworden, der Überzeugungen erschüttern kann. SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, COVERTEXT

Mein kleines Kind

Mein kleines Kind Cover-Foto

Wie passt das zusammen: Da wurde soeben ein dem Tode geweihtes Kind geboren. Es lebt (noch), es kuschelt innig mit seiner Mutter, die wiederum mit ihrer ganzen Familie und den Geburtshelfern die Sektgläser klingen lässt? Es passt! Und warum? Weil der Würde unumwunden Rechnung getragen wurde.

Mit diesem Film legt uns die Hebamme und Filmemacherin Katja Baumgarten ein ergreifendes Stück Dokumentarfilm vor. In der 21. Schwangerschaftswoche sieht sie sich, ihr ungeborenes Kind und ihr Umfeld mit der Diagnose „komplexes Fehlbildungssyndrom, schwerer Herzfehler, Verdacht auf Chromosomenanomalie“ konfrontiert. Ein einsamer Weg, den uns die Protagonistin zusammen mit der einfühlsamen Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen gehen lässt. Der Film als Spiegel der Seele, ohne den Schleier des Vergessens und der Anonymität darüber zu breiten.

„Es ist das Schlimmste, was überhaupt passieren kann“, fasst die werdende Mutter ihre Gefühle kurz nach der Diagnose des Ultraschallexperten zusammen. Ehrlich spricht sie über die „Möglichkeiten“, die sie jetzt hätte: „95-98% der Eltern treiben in dieser Situation ab“. Abtreibung bedeutet hier jedoch nicht wie im ersten Schwangerschaftsdrittel Narkose, Absaugung bzw. Kurettage und weg, sondern Geburtseinleitung mit Hormonen, um den noch überhaupt nicht auf Geburt eingestellten Körper dazu zu bewegen, das Kind über eine vaginale Geburt herzugeben. Was wäre aber, wenn das Kind diese erzwungene Geburt überleben sollte? Schliesslich ist es durch die Entscheidung der Eltern in keinem Falle erwünscht. Um dem vorzubeugen, besteht die Möglichkeit des Fetozids. Unter Ultraschallsicht wird dem Ungeborenen vor der Geburtseinleitung Kaliumchlorid in ein Nabelschnurgefäß gespritzt. Das Herz schlägt immer langsamer, bis es schließlich ganz aufhört. Das tote Kind wird dann in der Regel zwei bis fünf Tage später geboren.

Wochen des Ringens folgen. Sie will sich nichts vom Leben mit einer Kurzschlussreaktion rauben lassen. Der werdenden und zugleich schon dreifachen Mutter verlangt die Gesellschaft Radikales ab: Dass eine Frau, die schwanger ist, jetzt entscheiden soll. Dass sie sowohl die Verantwortung tragen soll, ob das Kind getötet wird, als auch die Verantwortung tragen soll, das Kind leben zu lassen. Dass sie hinterher mit der Ungewissheit, ob dieses Schicksal vielleicht viel zu gross für sie ist, ihr das Genick bricht, völlig alleingelassen wird. Doch obgleich sie sich „vor dem Bild des Kindes fürchtet, wenn es geboren ist“, entscheidet sich Katja Baumgarten für einen anderen Weg: „Es ist in mir verwurzelt, vom ersten Moment an ist es mein Kind und nicht auf Abruf, ich habe dieses Kind völlig umhüllt, ich kann es nicht als Abfall sehen“. Sie trägt ihr Kind schließlich aus, „obwohl ich über etwas entscheide, von dem ich gar nicht weiß, wie es wird. Ich kenne mein Kind nur friedlich und schön, warum sollte es schädlich sein?“ Sie entscheidet sich für eine Hausgeburt. Auch „aus Angst, dass mein Kind als aussichtsloser Fall zum Objekt der Medizin wird“. Ihre Hebamme, zwei befreundete Ärzte und ein Freund stehen ihr bei. Die Geburt verläuft leicht. Martin wird liebevoll aufgenommen, sein Da-Sein mit Kuchen und Sekt gefeiert. Ein paar Stunden später geht er leise.

Inwiefern der Würde hier unumwunden Rechnung getragen wurde? Weil Martin sein Leben zu Ende leben konnte. Durfte wäre eine andere Ausdrucksform, doch verstehe ich den Film keineswegs als Appell, Abtreibungen auch in einer solchen Situation zu verbieten. Zu klar wird, wie alleine wir, die Gesellschaft, Frauen und Paare auch mit dieser Thematik lassen. Nichts könnten sie richtig machen, alles wäre falsch.

Führt uns diese Zumutung zur Auseinandersetzung vielleicht hin zu mehr Menschlichkeit, Wärme und Toleranz, egal wie die Entscheidung letztendlich ausfällt?

Martina Eirich

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