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Eigene Publikationen

Wichtig war, dass jeder zu sagen wagte, was er dachte

Von: Martina Eirich für das Hebammenforum 04/2003

Deutsche Geburtshilfe im Jahr 2003: Sectioraten von 13-46% mit darin eingeschlossenen, geschätzten 7 % Wunschsectiones, VE und Forcepsraten von 2-6%, PDA-Raten von 5% bis 38%, Episiotomieraten von 5 % in der ausserklinischen Geburtshilfe bis hin zu 75% in mancher Klinik. ängstliche Schwangere, unsichere Hebammen, bibbernde Väter, übervorsichtige Ärzte, vielbeschäftigte Juristen. Was sagen uns die Zahlen: Werden die Schwangerschaften und Geburten immer gefährlicher oder sind wir unfähig Geburtshilfe zu leisten und zudem noch ein kleines bischen bequem? Mit seinem 2001 erschienenen Buch: Gebären ohne Aberglauben weist Prof. Alfred Rockenschaub auf das grosse Dilemma der schon längst zur Geburtsmedizin verkommenen Geburtshilfe hin.

Prof. Rockenschaub war von 1965-1985 Primarius an der Ignaz Semmelweis-Klinik in Wien. Ebenso leitete er das Ludwig Boltzmann-Institut für Geburtsregelung und Schwangerenbetreuung. Jahrzehntelang engagierte er sich in der Hebammenausbildung. Heute ist er als Referent und Buchautor tätig.

 

Buchtipp: A. Rockenschaub: Gebären ohne Aberglauben. Facultas Universitätsverlag Wien

 

Martina Eirich: Ihr Buch schlug vor eineinhalb Jahren wie eine kleine Bombe ein. Wir Hebammen diskutierten heftigst vor allem Ihre, im grossen Feldversuch nach zwanzig Jahren (1965-1985) und 44.500 Geburten, gleichbleibende Sectio- rate von etwas mehr als einem Prozent und eine VE-Rate von einem Prozent. Das ist 17 Jahre her. Sind diese Zahlen auf die heutige Zeit, mit den z. B. immer bewegungsärmer und ungesünder lebenden Schwangeren überhaupt übertragbar?

Alfred Rockenschaub: Natürlich ist die 1% Kaiserschnittfrequenz der Semmelweisklinik auf die heutige Situation übertragbar. Was dagegen ins Treffen geführt wird, sind nichts als faule Ausreden, die schon damals in dem Sinn kolportiert wurden, dass wir weniger Risikofälle zu verzeichnen hätten, während soziologische Studien eindeutig fürs Gegenteil sprachen.

M.E.: Zwei deutsche Klinikchefs, im 6. Lebensjahrzehnt stehend, habe ich mit ihrer niedrigen Sectiorate konfrontiert. Sie meinten unisono und unabhängig voneinander, dass sie das nicht ohne Embryotomie „geschafft“ hätten.

A.R.: Diese Antwort ist typisch für das geburtshilfliche deutsche Establishment und eine uralte Geschichte. Vor 185 Jahren hatte Johann Lukas Boer in Wien bei fast 30 000 Geburten 0,5% Extraktionen am Steiß, 0,4% Zangenoperationen und 0,2 % Embryotomien zu verzeichnen, zu einer Zeit, da es wirklich noch das eine oder andere enge Becken gab. Schon damals lebte das deutsche Entbindungshandwerk von den in den Lehrbüchern ständig beschworenen engen Becken und wie man sieht, lebt es davon noch heute. Ich bin mir gewiss, dass die von Ihnen befragten Klinikchefs ihrer Erfahrung nach sich dies vorzustellen „unisono“ nicht in der Lage sind, aber wir haben es wirklich ohne Embryotomie geschafft.

M.E.: Auch Sie scheinen wie ich erst in Holland richtig Feuer für die Geburtshilfe gefangen zu haben.

A.R.: Als ich 1947 ins Land kam, wurde mir eines unvergesslich vor Augen geführt: Gegenüber der Kunst dieser Hebammen, über vier Fünftel aller Geburten waren Hausgeburten, nahmen sich die Mediziner am Gebärbett eher wie Dilettanten aus. Wenn die Frauen wieder frei und autonom gebären wollen, müssen sie sich die Geburt mit Hilfe der Hebammen zurückerobern.

M.E.: „Ihre“ Semmelweishebammen, die Sie noch als Chef gekannt haben und mit denen ich sprach, schwärmten von Ihnen. Sie sollen die seltene Gabe besitzen, die Zügel im richtigen Moment locker und wenn nötig, eben auch fest zu halten. Wie sehen Sie sich als Chef?

A.R.: Eine Patientin äusserte sich folgendermaßen: Hier weiß man zwar nicht gleich, wer der Chef ist, aber man merkt, dass einer da ist. Anderswo merkt man gleich, wer der Chef ist, aber man weiß nicht, wozu er da ist. Im Übrigen versuchte ich allen eine Autorität im guten alten Stil zu sein und ich glaube, ich kam damit gut an. Schließlich kann man eine Kaiserschnittfrequenz von einem Prozent nicht einfach anordnen. Da müssen die Hebammen die Diagnose genau so gut beherrschen, wie die Ärzte. Wichtig war, dass jede/r zu sagen wagte, was sie /er dachte – Hebammenschülerinnen mit eingeschlossen.

M.E.: Wie haben Sie es denn zu einer Zeit geschafft, den hebammengeleiteten Kreisssaal ins Leben zu rufen, als das gros der Ärzteschaft gerade die Unabdingbarkeit der ärztlichen Geburtshilfe im gesellschaftlichen Denken etablierte. Sie hätten sich da doch sehr viel Selbstbestätigung holen können, ähnlich wie Prof. Dr. Peter Husslein, der momentane Chef der Universitätsfrauenklinik Wien, der z. B. sein ausgeprägtes Wunschsectiodenken medial sehr wirksam den Eltern in spe als Selbstbestimmungrecht verkauft.

A.R.: Mein Vorgänger an der Semmelweisklinik, Prof. Hugo Husslein, übrigens der Vater des von Ihnen erwähnten Peter Husslein, war mit seinen Oberärzten auf den von ihm kreierten „Intensivkreisssaal“ eingestellt. Der Widerstand der Oberärzte war programmiert und so baute ich ein System aus, das dahin zielte, zusammen mit den Hebammen die Oberärzte leer laufen zu lassen. Da meine wissenschaftlichen Fragestellungen und Konzepte denen meines Vorgängers diametral entgegengesetzt waren und die Hebammen ausnahmslos auf meiner Seite, war ich die Oberärzte bald los. Es war irgendwie erquickend und zugleich erschütternd, wie man mit ein paar klugen und geschickten Hebammen ein halbes Dutzend geburtsmedizinisch indoktrinierter Kliniker leer laufen lassen kann – und dies noch dazu nur zum Vorteil der Gebärenden. Mit der Zeit habe ich mir dann eine neue Ärztecrew in meinem Sinn herangezogen. Sein Sohn, Prof. Peter Husslein, ist ein ungemein eitler Mann in der „Midlife-Crisis“ und just in derselben Krise ist seine Wissenschaft. Er sucht verbissen nach Ideen, die Schlagzeilen machen könnten. Die Rate seiner Freunde in der österreichischen Geburtsmedizin vermag ich nicht zu schätzen, doch ist meines Erachtens sein Wissenschaftlichkeits-Quotient ziemlich verbreitet.

M.E.: Apropos Wissenschaftlichkeit. Seit längerem bin ich auf der Suche nach dem Ursprung eines Zitates, mit dem auf Klinik-Infoabenden viele Eltern rekrutiert werden: Die Geburt ist der risikoreichste Lebensabschnitt.

A.R.: Dieses Zitat und dazu der Vorschlag, die Geburtshilfe durch Geburtsmedizin zu ersetzen, geht auf eine Diskussionsbemerkung von Prof. Saling beim Podiumsgespräch über die Neuordnung der Geburtshilfe am Deutschen Gynäkologenkongress 1966 in München zurück. Einigermaßen haltbare wissenschaftliche Beweise gibt es dafür keine.

M.E.: Verfechter und Gegner der Wunschsectio hauen sich gegenseitig absolut unterschiedliche Studien(ergebnisse) um die Ohren. So hat Prof. KTM Schneider, Chefarzt Frauenklinik rechts der Isar in München, fast 300 000 vaginalen Geburten knapp 15 000 elektive Sectiones, beide mit niedrigem Risikoklientel, gegenübergestellt. Er fand heraus, dass die Sectio bei der ersten Geburt der sicherste Weg ist, die Re-Sectio dagegen viel grössere Risiken als die vaginale Geburt beinhaltet. Er weist die Frauen darauf hin und rät bei einer Familienplanung mit nur einem Kind eher zur primären Sectio. Eine neunmal höhere Mortalitäts- und zehnmal höhere Morbiditätsrate Sectio versus vaginale Geburt fanden dagegen Kitschke et al. in der hessischen Perinatalerhebung des Jahres 2000. Wie kommt es zu derart unterschiedlichen Ergebnissen bei so grossem Datenmaterial?

A.R.: Die Diskrepanz ist leicht erklärbar. Wirklich notwendig ist eine Kaiserschnittentbindung in einem zivilisierten Land in einem Prozent der Fälle. Was darüber hinausgeht, ist gemacht. So hat Prof. Schneider zwar grosse Zahlen, aber in der Matrix besteht immerhin ein Verhältnis von 1:20 und das bei niedriger Risikoklientel, d.h. nach der Ausscheidung von diversen Risikofällen gemäß dem Gutdünken der Frauenklinik rechts der Isar. Die Studie ist der reine Bluff – wer die erste Sectio so macht, dass die zweite Sectio so gefährlich ist, sollte die Finger davon lassen. Da mich einige deutsche Frauen in Bezug auf ihre Geburtsgeschichte um Rat gebeten haben, weiß ich, was im Rahmen der Perinatalerhebung an groben Fehlern alles verzeichnet wird. Es fällt mir daher schwer, auch diese Studien ernst zu nehmen. Bemerkenswerterweise ist, seit die Kaiserschnittrate so offensichtlich anstieg, die Zahl der pädagogisch einer Sonderförderung bedürftigen Schulanfänger um ein Drittel angestiegen! Zudem gibt es wissenschaftlich fundierte Hinweise darauf, dass die Sectiozunahme nicht auf den Rückgang der Geburtensterblichkeit von nennenswertem Einfluß gewesen sein kann. Es gibt solide Anhaltspunkte dafür, dass die bedeutendste, fast alleinige Ursache für den Rückgang der Sterblichkeit z. B. die Verbesserung von Ernährung, Wohnverhältnissen und sozialen Schutzmassnahmen sind...ausserdem gibt es wissenschaftliche Studien, die ganz erhebliche Zweifel am sozialmedizinischen Sinn des Kaiserschnittbooms aufkommen lassen.

M.E.: Beim elektiven Kaiserschnitt muss ich oft an Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ denken.

A.R.: Der Kaiserschnitt ist ein wirksames Mittel, den Körper der Schwangeren zu diziplinieren. Mit dem Messer kann man jederzeit dem Kind diktieren, wann es herauszukommen hat. Das Messer beendet auch alle Widerspenstigkeiten, die Frauenleiber bei Geburten so zeigen. Die Nachtruhe und das Wochenende bleiben ungestört. Eine hohe Kaiserschnittfrequenz liegt im Interesse der Geburtsmediziner. Denn nur durch dem Laien imposant erscheinende Methoden wie eben eine eingreifende OP vermag er sich die Rolle eines Prinzipals bei der Geburt zu sichern. Solange und sofern er es bleibt, ist mit einer hohen Sectiorate sein Einkommen und Sozialprestige gesichert.

M.E.: In Ihrem Buch outen Sie sich nicht unbedingt als Verfechter des CTG und der MBU. Dennoch ist bekannt, dass in Spitälern mit hoher MBU-Rate die Sectiorate geringer ist.

A.R.: Die MBU unterliegt geringeren Schwankungsbreiten als das CTG, das entgegen aller anders lautenden Behauptungen einen Spielraum für die verwegendsten Orakelsprüche offen lässt. Vom Aspekt der Kreislaufphysiologie könnte das Auftreten der sog. silenten Oszillationsamplitude einigermaßen verwertbar sein. Alles andere im CTG kann man vergessen.

M.E.: Absolut spannend zu lesen finde ich Ihre endokrinologischen Ausführungen z. B. die pulsatorischen Ausschüttungen des Oxytocin. Warum findet dies kein Gehör und es werden viele Frauen über Stunden mit einem permanentem Wehentropf gequält?

A.R.: Jede hormonale Stimulation erfolgt ausnahmslos in Impulsen und jedes Hormon wird pulsatorisch ausgeschüttet. Der sogenannte Wehentropf-womöglich mit Infusionspumpe – ist nichts anderes als ein Plazebo und wegen der damit verbundenen Oxytocinumkehr für das Kind prekär. Weheneinleitungen werden zudem oft dann gemacht, wenn man rechnen kann, dass die Wehen früher oder später spontan auftreten werden. Gibt man lange genug Wehenmittel, fällt auch hier relativ oft die Applikation mit der Zunahme der Wehenstärke zusammen. Dieser Effekt bleibt relativ oft infolge per US falsch berechneter Geburtstermine aus, womit dann eine permanente Wehenschwäche und die durch die Oxytocinumkehr hervorgerufenen Veränderungen im CTG zum Sectioanlass genommen werden.

M.E.: Was macht die Faszination des (Wunsch)Kaiserschnittes aus?

A.R.: Selbst der beste PR-Experte hätte kein werbewirksameres Markenzeichen für eine solche Prozedur entwickeln können. Kein Wort, das die Aura des Edlen und Exklusiven kräftiger ausströmt: Kaiserschnitt. Selbst ein gestandener Anti-Monarchist kann sich der suggestiven Wirkung kaum entziehen: Kaiserwetter ist bestes Sommerwetter, Kaiserschmarrn, eine Lieblingsmehlspeise und nicht zu vergessen Kaiser Franz (Beckenbauer), der Fußballer der Nation! Aber auch so manche Frau glaubt, sie sei eine Kaiserin, weil sie ihr Kind so schlau und ohne die Mühen der Geburt zur Welt gebracht hat. Welche denkt schon daran, dass sie ihrem Kind damit geschadet haben könnte. Die Geburtsmediziner ihrerseits werden sich hüten, auf diese Falle hinzuweisen, denn die Option der Sectio ist für sie so bequem, dass sie in Österreich auf ein zusätzliches Honorar verzichteten, um sich so der Kritik der Krankenversicherungen zu entledigen. Die mit Abstand häufigste Indikation für eine operative Entbindung heisst Bequemlichkeit. Das Opfer ist das Kind.

M.E.: Was haben wir Hebammen in Ihren Augen versäumt? Haben unsere Ahninnen das geburtshilfliche Zepter zu leichtfertig den Ärzten übergeben?

A.R.: Die Hebammen waren von alters her ein hoch angesehener und rein weiblicher Beruf. Welche Faktoren beim Führungswechsel am Gebärbett eine Rolle gespielt haben könnten ist schwer zu sagen. Eine besondere Rolle dürfte der Einführung der Zange um 1723 zugekommen sein, die zu einer Art Statussymbol der Geburtsmediziner wurde. Was Hebammen hätten dagegen tun können? Schwer zu sagen, wenn man daran denkt, wie übel das geburtsmedizinische Establishment mit so berühmten Leuten wie Boer und Semmelweis verfahren ist. Anhand dessen, was ich selbst und indirekt meine Familie erlebt haben, neige ich dazu von organisierter Verfemung zu sprechen, siehe auch den Fall Marina Marcovich! Geburtsmedizin ist nach wie vor ein militärisch organisiertes Metier und Frauen – nicht nur Hebammen - haben es schwer, dagegen anzukämpfen, da gerade im Bereich der Geburtshilfe die Emanzipation mehr als anderswo im Argen liegt. Die Gehirnwäsche geht nun schon wieder so weit, dass man die Wunschsectio als besonders emanzipatorisch hinstellt.

M.E.: Angenommen Sie wären eine Frau. Mit Ihrem reichen Wissen als Geburtshelfer und Hebammenlehrer, in welche Hände würden Sie sich während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett begeben?

A.R.: Ich würde mich, so wie ich das geburtshilfliche Establishment kenne – ich kenne es gut - von einer Hebamme betreuen lassen. Die Hebammenkunst ist durch geburtsmedizinische Entbindungstechnologie nicht annähernd zu ersetzen. Denn es geht darum, den drohenden Anomalien vorzubeugen und nicht, auf sie zu warten, um sie dann dürftig zu reparieren und zum medizinischen Dauerbrenner zu machen. Zum „Betreuungswechsel“ bedarf es allerdings zweierlei: Zum einen müssen es die Hebammen dahin bringen, die geburtshilfliche Scharlatanerie aufzudecken und anzuprangern und zwar nicht nur die der Mediziner, sondern auch die der Spitalshebammen. Zum zweiten müssen sie ein Curriculum für ihre Akademien erstellen, das vornehmlich auf Biologie, Soziologie, Hygiene sowie deren morphologische und biochemische Propädeutik basiert. Für Können und Praxis sind die Kenntnisse der Homologie und Anomalien von Schwangerschaft/Geburt/Wochenbett/Stillen und die Grundzüge der Didaktik wichtig. Eine darauf aufgebaute Ausbildung, sowie eine zielstrebige und konsequent in diese Richtung gehende Forschung würde die Hebammen den an sich rigiden Geburtsmedizinern gegenüber überlegen machen. Sie würden die Führungsrolle in der Geburtshilfe übernehmen – zur besseren Gesundheit der Mütter und ihrer Kinder. Mit dem Experiment an der Semmelweisklinik habe ich gezeigt, dass im Prinzip eine solche Renaissance der Hebammenkunst möglich wäre. Alles andere ist eine Frage der Solidarität der Hebammen und einer darauf aufzubauenden Politik.

Martina Eirich

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