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„Vom wahren Leben berührt“

Dieser Text hat den 2. Preis beim Schreibwettbewerb für Gesundheitsberufe der Zeitschrift Dr. med. Mabuse erhalten.

 

Vom Berufsberater getestet und für die Finanzwelt als sehr geeignet in die Welt geschickt, besah ich mir diese. Meist attraktive Menschen bevölkerten sachliche Gebäude in Tempelgröße. Ihre Berufsbezeichnungen fanden viel Anklang in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Die Finanzleute lasen Bilanzen und erstellten selbst welche. Im Grunde bestand ihre ganze Tätigkeit aus der Jongelage von Zahlen. Irgendwie fiktiv und irgendwo auch wie im Zirkus. Mein Kopf fühlte sich angesprochen, doch in mir rumorte es - eine Welt, in der Menschen wie Gebäude mich glatt wie Teflon streiften. Ich fühlte mich ein in meine Zukunft und sah ein volles Bankkonto, ein chices Auto, ein tolles Outfit, Karriere, aber auch gähnende Leere, was tiefe, ja selbst tiefere Gefühle betraf. Deutlich sprach mein Bauch: Lass Dich vom wahren Leben berühren! Ich sah mich im wahren Leben um, erlebte Heime voller schwer erziehbarer Kinder. Andere, in denen es nur behinderte oder kranke oder alte Menschen gab. Es erschlug mich nahezu, überforderte mich, soeben der Pubertät entwachsen. Doch gerade deshalb zog es mich in diese fremde Welt, die mir nicht äußeren, sondern inneren Glanz versprach, nicht eine noble Berufsbezeichnung, mit der ich auf Partys punkten konnte, sondern eher ein Nase rümpfen hervor rief und kein volles Bankkonto heraus springen ließ. Ich wurde also Krankenschwester und die meisten Menschen meines Umfelds schlugen die Hände überm Kopf zusammen. Ich bereute es nie, wenngleich es harte Lehrjahre waren. Die Ordensschwestern regierten ihre Stationen wie Zerberusse und die Halbgötter in Weiß beugten sich der Macht in steifen Roben. Der Wind drehte jedoch abrupt, wenn die Nonnen zur Vesper im Refektorium verschwanden und wehte für kurze Zeit ärztlich-säkular. Dies erforderte Flexibilität, förderte Einfühlungsvermögen und ließ mich Selbstdisziplin üben. Die Kranken wurden nach Notwendigkeit und nicht nach Stoppuhr gepflegt. Ihre Angehörigen überschütteten uns mit Komplimenten, Torten und füllten unsere Kaffeekasse. Mannsfaustgroße Dekubiti schwanden vor unseren unermüdlichen Händen und Augen. Die Arbeit machte Sinn und selbst die Begleitung Sterbender Freude. Als Mädchen an der Schwelle zur Frau musste ich mich nicht über Akten beugen, Finanzanalysen erstellen und mithilfe dieser den erlauchten Kreis Betuchter weiter verfestigen, sondern durfte den allerletzten Sätzen reifer Frauen lauschen, die mir als Mitgift die Essenz ihres Lebens schenkten. Und jedes Mal wieder eine Ode an das Leben aus dem Munde der Sterbenden. Mein Herz hüpfte zwischen Trauer und Glück. Ich kostete ausgiebig, schenkte den Sterbenden meine Ohren und erfuhr vor allem von den Frauen viel über wenig oder nicht gelebtes Leben. Wie sie um ihre verstorbenen, verhinderten und abgetriebenen Kinder trauerten. Wie wenig ihnen ihre berufliche Karriere an der Pforte zum Tod wog, wenn sie dafür Opfer in Form von Kindern hatten bringen müssen. Immer wieder kreisten ihre letzten Gedankenströme darum. Immer wieder beschworen sie mich, niemals ein Kind in meinem Bauch einem Mann zu opfern, niemals ein Kind zu verhindern, das mich deutlich als Mutter erwählt hat und niemals die Erziehung meiner Kinder beruflichem Ehrgeiz unterzuordnen. Welch ein Sack an Empfehlungen. Und in den Zeitungen und im Fernsehen drohte Alice Schwarzer, dass sich Frauen meiner Generation nicht wieder dem alten Frauenjoch beugen sollten. Wie kreierte ich nun meine Zukunft als Frau, als Krankenschwester, vielleicht auch als Mutter? Ich hatte tief blicken dürfen und es trieb mich weiter in ein Studium der Psychologie. Statistiken und Versuchsabläufe pflasterten die Semester und ließen mich mein Tun beständig zwischen dem Gefühl von sinnhaft und dem von sinnlos einordnen. Am Ende des Grundstudiums zog es mich aus der Universität hinaus und weiter in eine Zeitungsredaktion, um Jahre später schließlich Frauen zu lauschen, die den Beruf der Hebamme ausübten, um darüber zu schreiben. An diesem Tag bekam ich Respekt vor der Tätigkeit, die ich ausübte: dem Journalismus. Der Blick von außen kann gnadenlos sein. Und er soll gnadenlos sein. Ich erkannte die unglaubliche Spanne des Hebammenberufs, ebenso wie seine gesellschaftliche Dimension. Doch ich sah auch die Zerrissenheit vieler Hebammen. Bei der einen lag dieser eine tiefe Depression zugrunde, weil sie sich total verausgabt hatte inklusive zerbrochener Ehe und verschwundener Kinder. Andere waren in einem Helfer-Syndrom gefangen oder übten den Beruf machtvoll gegenüber den Frauen aus. Fast alle liebten ihren Beruf. Doch weshalb war kaum eine als Frau glücklich? Was zerrte und zehrte so an ihnen? 

Wo hatte ich die letzten Jahre verbracht? Weitestgehend am Schreibtisch! Ich wollte nicht zurück. Es zog mich nicht magisch zu den Hebammen. Ich musste nicht zu ihnen und konnte mich mit keiner von ihnen als Frau identifizieren. Dennoch spürte ich deutlich: ich war anders, aber eine von ihnen, denn was war Hebamme für ein Beruf! Alles fügte sich an diesem Nachmittag. Nach einem Anruf an einer Hebammenschule und einem Vorstellungsgespräch hatte ich wenig später einen Ausbildungsplatz. 

Vom ersten Tag im Kreißsaal machte sich dann ein unerhörter Gedanke in mir breit. Ein Gedanke, der wider jeglichen Zeitgeistes einfach nicht Ruhe gab, sondern mich intensiv beschäftigte: ich fragte mich, wer solch ein System hatte einreißen lassen, meist gesunde Frauen zur Geburt in eine Klinik gehen zu lassen. Die seinerzeit noch moderaten Eingriffszahlen hatten auch damals schon längst die noch heute von der WHO empfohlenen übertroffen. Was hatten gesunde Menschen in einer Klinik verloren? Besonderheiten gehörten dagegen öfter, Notfälle unbedingt dahin. So verbrachte ich die vergangenen 15 Jahre damit, mich als Hebamme zu schleifen, schwangere Frauen lesen zu lernen, Notfälle von Besonderheiten zu unterscheiden, Geburtshilfe unter einfachen Bedingungen zu studieren und praktisch umzusetzen. Denn bestätigt wurde mein erstes Gefühl im Kreißsaal inzwischen vielfach wissenschaftlich: Weniger ist meist mehr oder Man muss viel wissen, um wenig zu tun. Jede Intervention birgt Risiken. Doch ganz selbstverständlich werden Eingriffe in Zeiten, in denen das Geld eben mit diesen selbst und nicht mit dem Verhindern von ihnen verdient wird, auf die Schwangeren und Gebärenden abgewälzt, anstatt human und weise zu fragen, ob der Eingriff als solcher nicht vermeidbar gewesen wäre. Da Gutachter meist ebenfalls eingriffsreich sozialisiert sind, dreht sich das Rad weiter in Richtung: viel ist besser, weniger schlechter. Heute arbeite ich als Hausgeburtshebamme und erfahre, dass gerade Frauen, die nicht selten als typisches Kind der programmierten Geburtsmedizin oder selbst per Kaiserschnitt geboren wurden den Wunsch nach einer natürlichen Geburt bei ihren eigenen Kindern haben. 

Es fehlt ihnen nicht an Bildung, Sport und Geld. Gefühlsleben und weibliches Körperbewusstsein wurden in der Erziehung dieser jungen Frauen jedoch oft sträflich zugunsten von perfekter Optik, Leistungsbereitschaft in Schule und Ausbildung und dem Eifern nach ökonomischen Werten vernachlässigt. Selbstverletzungen sind nicht selten,  die von starkem Gefühlsstau erzählen, wie auch Bequemlichkeit und Schmerzempfindlichkeit, weil ihre Erziehung sehr an den Werten unserer Medien- und Werbewelt orientiert, per se also auf die Abgabe von Eigenverantwortung zielte. Deshalb höre ich gut zu. Ich muss ehrlich sein. Mich weder in ein Ideal verrennen, wie Frauen heute gebären sollten, noch mich komfortabel hinter dem Argument verschanzen, dass sie es alle bequem wollen und bequemes Arbeiten damit rechtfertigen. Ja, ich sehe mich bei denjenigen, die natürlich gebären wollen und dafür offen sind auch als Nach-Erzieherin. Als Begleiterin im Lebensumbruch, den eine Schwangerschaft und ein Kind oft mit sich bringen, die ihnen ehrlich sagt, was ihre Eltern versäumten. Dies zu äußern ist wider den Zeitgeist, dies zu tun nicht bequem, dafür ist das Ergebnis unübertrefflich: Eine Frau zu erleben, die nach mühsamen Stunden ihr Kind aus eigener Kraft geboren hat, ist Geschenk und Gnade. Eine andere Seite meines Berufes ist die Diskrepanz aus Vergütung und Verantwortung. Kann es sein, dass ein solch altes Kulturgut, wie das Gebären in den eigenen vier Wänden von einer hohen Haftpflichtprämie zerstört werden kann? Warum werden AKW-Unfälle oder Kfz-Schäden nach oben hin begrenzt, die Höhe des Schmerzensgeldes bei Geburtsschäden bislang aber noch nicht? Deshalb werde ich auch zukünftig mein Maß an Engagement dem der werdenden Eltern anpassen. Fragen sie wie gehabt fleißig nach Hausgeburtshilfe und setzen sich politisch dafür ein, bin ich weiterhin Tag und Nacht für sie da. Festhalten am Beruf um jeden Preis werde ich dagegen nicht. Vielen meiner Kolleginnen macht deshalb die Zukunft Angst. Mir nicht. Gerade weil ich vier Kinder habe. Wenn unsere Gesellschaft die Industrialisierung der Geburt wünscht, wäre das der Lauf des Lebens. Beweglich zu bleiben macht meine Trauer leichter.

Martina Eirich

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